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Am Dienstag, den 30. Mai, besuchten einige Schüler diverser Geschichtskurse der elften Jahrgangsstufe zusammen mit Frau Lutz und vier Studienreferendaren den Zeitzeugenvortrag der ungarischen Auschwitz-Überlebenden Frau Szepesi am Bayernkolleg.

Nach einigen einleitenden, informierenden Worte vom Direktor des Bayernkollegs, Herrn Rottmann sowie kurzen Vorträgen zweier Schülerinnen über die Referentin Eva Szepesi (ehem. Diamant), begann diese selbst zunächst einige Stellen aus ihrer Autobiografie „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ über ihre zu Beginn glückliche Kindheit vorzulesen; Glücklich bis zu dem Tag, als sie ihre Familie in Ungarn verlassen musste, um mit einer Tante und Pässen ihrer Nachbarn in die Tschechoslowakei zu fliehen, um „Judenjägern“ der Nationalsozialisten zu entkommen. Das war der beste und vermutlich einzige Weg, den Evas Mutter arrangieren konnte, um ihre Tochter zu schützen. Insgesamt wurden binnen zwei Monaten über 500.000 Juden aus ganz Ungarn deportiert. Frau Szepesi bekam von ihrer Mutter den überlebenswichtigen Rat, sich stumm zu stellen, wenn sie jemand ansprechen sollte - eine Taktik, um möglichst unbehelligt und möglichst schnell das Land verlassen zu können. Nach vielen angsterfüllten Nächten auf der Flucht wechselte das junge Mädchen meist nach wenigen Wochen regelmäßig von Familie zu Familie. Im Herbst 1944 wurde die Wohnung der aktuellen „Gasteltern“ von Eva gestürmt und die Bewohner wurden festgenommen. Sie kam in eine jüdische Unterkunft, von der aus die letzten Züge nach Auschwitz abfuhren. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Familie längst tot, aber das wusste sie nicht. Zum Glück nicht. Denn die Hoffnung, ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder jemals wieder zu sehen, war das einzige, das ihr die Kraft gab, weiterzuleben und die menschenverachtende Behandlung als Nummer A26877 weiter über sich ergehen zu lassen.

Sie war eines von ungefähr 400 Kindern, den sogenannten Child Survivern, die die abscheulichen Zustände und sadistischen Misshandlungen im KZ bis zum Tag der Befreiung am 27.01.1945 überlebten. Bei ihrer Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde sie von einer Aufseherin auf 16 geschätzt, was ihr vermutlich das Leben rettete, denn ab diesem Alter konnte man arbeiten. Dies und ein weiteres Zeichen dafür, nicht sofort hingerichtet zu werden, war die Tätowierung mit der Häftlingsnummer. Sie bekam sie auf die Innenseite des linken Unterarms gestochen und sie ist noch heute sichtbar.

Nach drei Monaten in der Hölle auf Erden wurden die Häftlinge, die noch laufen konnten, auf den „Todesmarsch“ geschickt. Kinder und Todkranke blieben im Lager zurück. Darunter Eva.

An die nächste Woche kann sich Frau Szepesi nicht erinnern, obwohl sie seit Jahren darüber grübelt. Frau Szepesis Tochter Anita meint, dass dieser Erinnerungsverlust vermutlich ihre Rettung war, denn sie verdrängte so, was über eine Million Juden nicht erlebten, weil sie zuvor auf bestialische Art und Weise hingerichtet worden waren.

„Wie kann es überhaupt Neonazis geben, die sagen, Auschwitz sei eine Lüge? Wir leben doch noch!“ - Eva Szepesi

Eva Szepesi wollte bis 1995 nicht über ihre furchtbaren Erlebnisse reden und sprach mit niemandem über ihre Vergangenheit, nicht einmal mit ihrem Ehemann. Zum 50. Gedenktag nach der Befreiung der letzten Überlebenden aus Auschwitz und seinen Nebenlagern überredete ihre Tochter sie dazu, der Gedenkstätte einen Besuch abzustatten, woraufhin sie schließlich den Entschluss fasste, doch endlich über ihre Zeit im KZ zu sprechen und ein Buch darüber zu schreiben. Heute sieht sie sich in der Pflicht, das Geschehene weiter zu erzählen - für all die Menschen, die unter der nationalsozialistischen Ideologie leiden mussten und nicht über das Geschehene reden können, da sie ermordet wurden. Das gibt ihr auch die Kraft, die sie braucht, um den Menschen ihre Lebensgeschichte und die zahlloser ermordeter Juden zu erzählen.

Wir bedanken uns für die Möglichkeit, diese emotionale Geschichte aus erster Hand hören zu dürfen und auch für die Antworten, die wir auf unsere Fragen bekamen. Neben Denkanstößen gab Frau Szepesi uns noch mit auf den Weg, wie wichtig es ist, dass wir, also die dritte Generation, „den Mund aufmachen, wenn Leute irgendwo ausgegrenzt werden.“ Wir müssen uns nur daran halten und uns darüber jeden Tag im Klaren sein, damit sich die Vergangenheit - in welcher Form auch immer - nicht wiederholt.

Hans Horn, Q11